Es mag sein, dass man mit einer Romanheldin nicht gleich warm wird. Manche Protagonisten irritieren uns, ihr Handeln erscheint unlogisch. Je weiter man in den Roman eindringt, werden die Absichten klarer. ‚Bernhard Schlink‘ ist ein Meister des Erzählens, als Leser begann ich mit seinen Büchern stets bei null, das soll nicht heißen, dass es bei anderen Schriftsteller:innen anders ist. Wenn wir schon einmal eine Rezension gelesen haben, wenn uns eine Freundin von einem Buch vorgeschwärmt hat, glauben wir eine Ahnung zu haben. Schlagen wir das Buch dann auf, betreten wir doch wieder Neuland. Es steigt und fällt mit den Romanfiguren. Gelingt es den Schriftsteller:innen, uns Leser neugierig auf das Schicksal von Figur XY zu machen, dann funktioniert es. Es gibt aber genügend Beispiele, wo das nicht gelingt.
Die Reise des Helden
Bei Bernhard Schlinks zeitgenössischem Roman ‚Die Heimkehr‘:
Falls euch dieser Roman reizt, schaut in den oberen Link, war es so, dass ich mich gut unterhalten fühlte, doch bei mir dachte, wo will der Ich-Erzähler eigentlich hin. Das Thema des Romans ist, wie der Titel es verrät, Heimkehr. Der Ich-Erzähler kehrt wieder und wieder nach Hause zurück, obwohl er sich manchmal fragt, was er als Heimat bezeichnen kann. Als seine Beziehung scheitert, fühlt er sich plötzlich heimatlos. Er sucht seinen Vater, denkt, ‚Er‘ könnte so etwas wie eine Heimat sein. Als er ihm dann gegenübersteht, erkennt er, dass es eine Lüge ist. Bernhard Schlink hat in seinen Büchern philosophische Überlegungen. Er lädt den Leser ein, sich auf diese Gedanken einzulassen. Teilweise fand ich, dass bei dem Roman, ‚Die Heimkehr‘, anstrengend, doch meistens war es eine Bereicherung.
Was hat dieser Roman mit dem heutigen Blog zu tun? Schlinks Protagonisten sind komplex, es handelt sich um ‚gebrochene Persönlichkeiten‘. In einem Schreibratgeber las ich, dass eine Hauptfigur einen äußeren und einen inneren Makel haben sollte. Eine Narbe, die diese Hauptfigur entstellt, ein Leberfleck, irgendetwas, was die Perfektion stört. Die Seele sollte auch vernarbt sein, ein schmerzhaftes Erlebnis in der Vergangenheit. Ich fand es sehr interessant, dass Figuren, die nicht dem Schönheitsideal entsprechen, mehr zu erzählen haben sollen als die Makellosen. Wenn eine Romanfigur als strahlend schön bezeichnet wird, kann das doch auch ein Makel sein.
In meinem zeitgenössischen Roman ‚Sie die träumen‘, führe ich meinen Helden, Stefan von Aquin, strahlend ein. Er ist Schauspiel-Dozent und er füllt diese Rolle aus. Das ruhige am Pult Stehen und Dozieren ist nicht Stefans Art, er springt schon einmal auf den Tisch, rudert mit den Armen und brüllt. Mit seiner blonden Löwenmähne entspricht er auch nicht unseren Vorstellungen eines Schauspiel-Dozenten. Ich sollte dazu sagen, dass der Roman in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts angesiedelt ist, damals war vieles anders, doch die Norm wurde eingehalten. Auch wenn Stefan keine äußeren Narben hat, ist seine Seele ein einziges Narbengeflecht. Schuldgefühle sind es, die seine Handlungen bestimmen. Mögt ihr einmal einen Blick in das Buch werfen? Wartet, hier ist der Link:
Innere und äußere Konflikte
‚Sie die träumen‘ hat nicht nur den schillernden Protagonisten, die übrigen Figuren sind ebenfalls nicht intakt. Da ist Cordelia, eine Schauspielerin, die über den Tod eines Freundes nicht hinwegkommt. Trotz psychologischer Behandlung konnte sie ihre Depression nie in den Griff bekommen. Dirk, ein humorvoller Freund für alle Mitglieder der Theatergruppe, um die es bei ‚Sie die träumen‘ geht, ist für Jeden da, doch kann er selbst nicht über seine Vergangenheit sprechen.
Als ich im Herbst 1999 mit der Arbeit an ‚Sie die träumen‘ begann, ahnte ich nicht, dass der Roman mich zwanzig Jahre beschäftigen würde.
Wie gelingt es nun, eine gebrochene Figur zu schreiben?
Der Schreibratgeber ‚Vier Seiten für ein Halleluja‘, gibt den Tipp, seine Romanfiguren auf die Psychocouch zu legen. Wenn ihr es nachlesen wollt, findet ihr das Buch über den Link:
Inzwischen ist auch ein zweiter Teil erschienen, wenn ich das Buch gelesen habe, sage ich euch Bescheid, ob es was taugt. Auf der Psychocouch soll man seine Figuren interviewen. Als ich das las, dachte ich, der Roentgen hat doch einen Vogel. Doch in meinem nächsten Buchprojekt versuchte ich es, ich lud die Protagonistin auf meine imaginäre Couch ein und überschüttete sie mit Fragen. Zunächst zögerten sie, doch irgendwann redeten und redeten sie. Ich erfuhr Einzelheiten, die ich nicht erahnt hätte. Mit ihren Gegenspielern verfuhr ich auf die gleiche Weise. Als ich Romanheldin und Antagonisten vor meinem geistigen Auge hatte, begann ich zu schreiben. In meinen folgenden Buchprojekten bin ich nicht von diesem Weg abgewichen. Die Romanfiguren werden lebendiger, sie sind dreidimensional. Probiert das mal unbedingt aus.
Erinnert ihr euch an den Blog von vor ein paar Monaten „Das Geheimnis der Heldin“? Wenn ihr ihn nicht mehr präsent habt, dann lest doch einfach nach, ihr findet ihn hier:
Ich schrieb über das Geheimnis, das unsere Heldin tief in ihrem Inneren hat. Dieses Geheimnis ist die Achillesferse unserer Romanfigur. Sie wird dadurch angreifbar. Vielleicht hütet sie ein anderes Geheimnis, vielleicht wurde es ihr zum Verhängnis. Schaut auf euch selbst, auch ihr habt Verletzungen erfahren, vielleicht war da etwas Gravierendes. Vielleicht habt ihr auch nur kleinere Blessuren erfahren. Kleinere Blessuren formen aber auch unsere Seele.
Generation Golf
Ich möchte euch nicht entmutigen, über euch zu schreiben. Wenn ihr eure Biografie plant, dann los, aber es ist anstrengend, wenn der Leser ein und dasselbe Buch dreimal liest. Anfang der Neunziger hatten wir eine Literatur-Gattung, die als ‚Generation Golf‘ überschrieben war, einfach nur schrecklich. Die meist männlichen Schriftsteller schrieben über sich und sie konnten auch nichts anderes. Wir lesen, weil wir unterhalten werden wollen. Wir wollen in einem Roman ankommen, möchten uns in Ruhe umschauen und da ist es nur nervig, wenn uns eine Stimme ins Ohr quakt: „Dann bin ich dahin gegangen und dann bin ich dort hingegangen.“
Ich weiß, dass die ‚Generation Golf‘ ihre Fans hatte, ich war kein Anhänger.
In meinem satirischen Roman ‚Es ist noch Platz im Koffer‘ sind wir mit dem Protagonisten eingesperrt in einer Psychiatrie. Die handelnden Figuren kommen sich näher, die psychischen Makel werden enthüllt. Der Romanheld Til Steiger hat schon ein Problem durch seinen Namen. Der Leser wird garantiert an einen anderen Til denken müssen, ein genialer Schauspieler im Gegensatz zur Romanfigur. Doch im Laufe des Romans erkennt der Leser, dass Til Steiger ähnlich genial ist. Über sein Geheimnis, welches in seiner Vergangenheit begraben ist, möchte ich nichts Näheres sagen, doch es nahm ihm die Überzeugung, das Selbstbewusstsein, ein guter Schauspieler zu sein.
Kommentare sind sehr erwünscht, haut mir meinen Blog um die Ohren.
Bis bald, bleibt gesund und denkt immer daran: Literatur ist Leben
Eure Desirèe Ange
