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Religion

Firefly zum Gebet gefaltete Hände einer farbigen Frau, von oben beleuchtet von einem Scheinwerfer

Die Nacht regierte das Internatsgelände. Kein Ton war zu hören, unsere Nachtschwester hatte gerade ihren Rundgang gemacht. Mein Zimmergenosse und ich lagen in unseren Betten. Wir hatten lange gequatscht, wie ein jeden Abend, doch seit einer Weile waren die Gespräche verstummt. Ich drehte mich auf die Seite, machte mich bereit sanft einzuschlummern – Moment ich habe etwas vergessen.

Ich flüsterte meine Gebete in die Nacht.

„Hast du etwas gesagt?“, ließ sich die Stimme meines Mitbewohners vernehmen.

„Nein. Nein…“, stotterte ich vor mich hin.

„Hast du gebetet?“

Verschämt gab ich es zu.

Mein Kamerad erklärte das ich mich nicht schämen müsse, er fände sogar schön, dass ich meine Gebete verrichtete.

Mein Zimmergenosse kam aus Marokko und war auch Moslem, ich hatte ihn aber nie Beten gehört. Wir sprachen noch eine Weile, ich erfuhr das ihm seine Religion irgendwann fremd geworden wäre.  Wir schliefen ein.

Einige Nächte später, mein Freund, mit dem ich mir das Zimmer teilte, schlief heute Nacht bei einem Vereinskameraden, machte ich mich bereit für mein Gebetsritual. Ich konnte es nicht. Ich fragte mich, warum ich dies jetzt knapp 13 Jahre tat. Warum betete ich jeden Abend? Hatte ich mich dazu entschieden, war dies mein freier Wille? Ich kam immer mehr ins Grübeln und je mehr ich nachdachte umso mehr wurde mir bewusst, dass meine Großeltern die Tradition des Betens eingeführt hatten.

Großeltern

Religiosität erlebte ich zuhause nicht. Mama und Papa entschieden sich dagegen mich religiös zu erziehen, inwieweit das miteinander abgesprochen war oder ob das einfache Desinteresse war kann ich nicht sagen. Meine Großeltern waren auch keine streng Gläubige Moslems, doch das Gebet war wichtig für sie.

Oma

Oma hatte mich ins Bett gebracht. An diesem Wochenende war ich bei den Eltern meiner Mama. Hier war es langweilig. Oma und Opa gingen beide arbeiten, die Tante, ein Teenager, hatte andere Interessen als mich zu bespaßen. Am Abend deckte mich Oma zu und sie fragte mich: „Erinnerst du dich an das Gebet, was ich dir beigebracht habe?“

Ich sagte: „Ja Oma.“

Und wir begangen damit die Worte zu sprechen. Es war ein kurzes Gebet, es war auf Türkisch und es sollte den Wunsch verdeutlichen, dass Gott einem nach dem Schlaf wieder weckt. Oma war keine herzliche Frau, sie war eher streng, manchmal überhart, doch bei unserem Gebetsritual lächelte sie.

Meine Großeltern, ich rede immer noch von den Eltern meiner Mama, hatten in Deutschland einen kurzen Stopp eingelegt. Opa hatte in der Türkei eine Firma in den Sand gesetzt, daraufhin war er nach Deutschland gekommen, hatte hier Geldverdient, um in der Türkei die nächste Firma an die Wand zufahren. Ein kluger Kopf, aber kein Geschäftsmann.

Als ich fünf wurde kehrte Oma, Opa, die jüngste Tante und der junge Onkel zurück in die Türkei. Praktisch, so konnten wir unsere Sommerferien kostengünstig in der Türkei verleben.

Eine Gruppe von Teenagern, ihre Hände gefaltet bildeten sie einen Kreis um einem Fünfzehn Jährigen. Der Fünfzehnjährige betete vor, die Aussprache dieses Jungen, des Lehrers, war perfekt. Die anderen Teenager stolperten durch die Lektion, mein Onkel tat sich sichtbar schwer. Ich war Gast in diesem Kreis, hörte zu und staunte, wie gut die Teenager das hinkriegten.

Am nächsten Tag stand der Jugendliche Lehrer vor der Tür der Großeltern, er muss der Oma wohl gesagt haben, mein Onkel gäbe sich keine Mühe. Ich erlebte eine völlig verwandelte Oma. Sie griff sich einen hölzernen Schuhanzieher und prügelte den Onkel durch das ganze Haus. Er schrie und weinte und war hilflos. Sprachlos stolperte ich hinterher. Im Wohnzimmer brach er auf der Couch zusammen, doch sie hörte nicht auf. Irgendwann war sie fertig. Ich glaub die Tatsache, dass ich das mit ansah tat meinem Onkel mehr weh, es war die totale Erniedrigung. Er zog seine Jeans aus, die Beine waren knallrot, das würde nicht lange rot bleiben.

Am Abend saßen wir bei dem Lehrer von meinem Onkel und bekamen von seiner Mama Tee. Der jugendliche Lehrer erklärte, warum er Oma alles gepetzt hatte, mein Onkel müsse sich mehr Mühe geben. Diese Erfahrung verdeutlichte mir, die harte Seite der Religion.

Opa

Der Papa von meinem Papa war sanft und lieb. Meine Oma war auch warmherzig und hätte für mich ihr Leben gegeben. Von Papas Mama lernte ich aber nichts über Religion, von meinem Opa umso mehr. Am Wochenende, wenn ich mal bei den Großeltern war, gingen wir recht früh ins Bett.

„Opa erzähl mir das Märchen.“

„Oh nein, nicht schon wieder das eine Märchen.“

„Gut Opa, dann erzähl erst einmal ein anderes.“

Opa erzählte mir ein Märchen, doch er wusste, dass er mir mein Lieblingsmärchen im Anschluss auch noch erzählen musste. Vielleicht verrate ich euch irgendwann, wie mein Lieblingsmärchen ging.

Nach unserer Märchenstunde sagte mein Opa: „So jetzt müssen wir aber noch Beten.“

Wir sprachen die Traditionelle arabische Einleitung und ich sprach die Worte, die mein Opa mir beigebracht hatte.

Mein Opa sagte, dass wenn ich das jede Nacht vor dem Einschlafen machen würde, ich meinen Weg in den Himmel ebnen würde.

Mein Opa ging einmal in der Woche in die Moschee. An einem heißen Sommertag begleitete ich ihn. Ich trug Turnschuhe und kurze Hosen. Als wir in den Vorraum kamen, kam uns der Vorbeter, im Türkischen nennt man ihn Imam, entgegen.

Opa stellte mich vor: „Das ist mein Enkel…“

„Warum trägt er kurze Hosen?“, knurrte der Imam.

„Es ist ein Kind und es ist Sommer.“

„Will er nicht lieber zuhause warten?“, erkundigte sich der Imam.

Opa hatte mir schon die wichtigsten Regeln genannt: Sei still und tu das, was ich tue.

Opa kniete sich in die vorletzte Reihe, ich in die letzte. Es ging los, der Imam betete und die alten Herren beteten auch. Ab und zu legte sich der böse Blick des Imams auf mich.

Als die Gebete geendet hatten unterhielt man sich noch kurz vor der Tür. Der Imam trat zu Opa und mir.

„Und es hat doch alles funktioniert oder nicht?“, fragte Opa.

Der Imam knurrte: „Naja, wenn sie sich hinterm Ohr gekratzt hatten, dann hat sich der kleine auch hinterm Ohr gekratzt.“

Opa sah mich an und wir mussten alle drei lachen. Opa hatte mir gesagt, ich sollte alles nachmache und das hatte getan.

Lust auf die Christen

Ab 1994 fuhr ich jedes Jahr in die Reha. Die Reha­­-Klinik stand im verschlafenen Kurort Schömberg. Vier wundervolle Sommer habe ich hier verlebt, ich lernte Freunde kennen, die Freundschaften halten teilweise heute noch. Ich glaube es war zu Beginn meines vierten Aufenthalts, da lernt ich einen jungen Mann, Alexander, kennen. Alex, wie er von aller Welt gerufen wurde und ich waren auf einer Wellenlänge. Trotz seiner Gehbehinderung schob er mich durchs ganze Haus, wir fanden irgendwelche Sitzmöglichkeiten und redeten stundenlang. Eines Abends offenbarte mir Alex, dass er Pfarrer werden möchte. Alex war ein wahres Wunder, er konnte Passagen der Bibel rezitieren, man musste ihm nur ein Stichwort geben. Sonntags hatte er eine Sondererlaubnis der Reha-Klinik, er durfte das Gelände verlassen und den Gottesdiensten beiwohnen. Eigentlich war Alex Katholik, aber er besuchte zuerst den katholischen und danach den evangelischen Gottesdienst. Wenn wir uns sonntags abends sahen, schien er von innen heraus zu leuchten. Religion war für ihn wie eine Droge. Ich ließ mich davon anstecken und fragte ihn, ob er mich mal mitnehmen könne.

„Von mir aus gerne, wir müssen aber die Klinikleitung fragen.“

Ok, wir fragten, es gab versicherungstechnische Bedenken, aber wenn wir klarstellen würden, dass er langsam gehen würde…

Alex sah sich bei einem weiteren Besuch die Gebäude an, sah dass es Rollstuhlrampen gab, dann fragte er die Pfarrer selbst, sie sagten Nein.

Schade. Ein junger Mensch hatte mich für einen Glauben gewinnen können und die Würdenträger hatten alles kaputt gemacht. Das war meine nächste, nicht so schöne Erfahrung mit dem Thema Religion.

Fazit

In diesem Blog hab ich nur zwei Weltreligionen behandelt. Ich tat es rasch, weil ich euch nur einen Überblick geben wollte, inwieweit ich in meinem Leben mit Religion in Berührung kam. Alle vier bis sechs Wochen erscheint ein neuer Blog, manchmal ist das Thema literarisch, manchmal persönlich. Dieses mal war es persönlich.

Welche Erfahrungen habt ihr mit Religion gemacht? Seid ihr religiös? Schreibt mir gerne unter: d.ange.autorin@gmail.com

Im Grunde genommen bin ich Anhänger des Heraklit. Heraklit von Ephesos war ein griechischer Philosoph, er lebte ungefähr von 520 v.Chr. bis 460 v.Chr. Im Weltbild des Heraklit ist alles Göttlich. Heruntergebrochen bedeutet das so viel wie, in jedem Baum, in jedem Blatt ist Gott enthalten. Ich finde diese Vorstellung sehr schön, weil das hieße, dass auch jeder Mensch und jedes Tier Gott in sich tragen würde.

Ich danke euch, weil ihr mir bei meinem Exkurs Gesellschaft geleistet habt. Es war eine lange Reise, die nun zu Ende geht.

Denk immer daran, Literatur ist Leben.

Eure Desiréé Ange