Ich bin nicht blind. Doch was ich sehe, ist so gering, so unbedeutend wie ein Wassertropfen im weiten Ozean. Hirnrindenblindheit, so lautet die Diagnose, was für normal Sterbliche ausdrücken soll, dass die Augen funktionieren, das Gehirn das gesehene aber nicht verarbeiten kann.
Für mich ist das nicht schlimm, ich habe mich damit arrangiert, bin glücklich überhaupt sehen zu können. Mein Sehen geschieht wo anders.
Novalis
Es war mal wieder eine langweilige Deutschstunde. Unser Lehrer beschloss, dass Ruder in die Hand zunehmen und uns etwas vorzulesen.
„Schlagt euer Lesebuch auf, wir lesen jetzt das Gedicht von Novalis…“
Zum Glück war unser Deutschlehrer blind, so sah er nicht das Gähnen der Schüler.
Wie so oft nutzte ich die Gunst der Stunde und versank in meinen Tagträumen, doch da muss irgendetwas gewesen sein, irgendein Wort, irgendein Vers, der mich packte. Ich hörte zu und es gefiel mir, was ich hörte. Dieser Dichter war anders. Als der Lehrer seinen Vortrag beendet hatte, fragte ich wie hieß der Dichter noch einmal? Wie hieß das Gedicht? Was hat er sonst so geschrieben?
Ich war tief beeindruckt und in meinem inneren klang eine Frage, kann ich das auch?
Nur ein Stück Papier
Am Nachmittag, nach Schulschluss, probierte ich es. Unsere arme Praktikantin musste herhalten, ich verzog mich mit ihr einem Stift und einem Stück Papier in mein Zimmer. So diktierte ich mein erstes Gedicht. Es war nicht sehr lang. Ich versuche es mal dem Sinn nach wieder zugeben.
In mir die Nacht
Über mir die Sterne
in mir, Dunkelheit
Ich stehe auf einem Dach, Blicke in die Tiefe
Blicke in die Nacht
Ich stürze mich vom Dach
Endlich erlöst
In mir die Nacht multimedial
Kennt ihr bereits den YouTube-Kanal von Desiréé Ange, er ist noch sehr jung, doch in der nächsten Zeit werden dort viele interessante Videos erscheinen. Wenn ihr eine Inszenierung des Gedichtes erleben wollt, dann klinkt auf folgenden Link:
Ganz schön düster
Ihr müsst mir verzeihen, ich war ein Teenager und die sind manchmal ein wenig melancholisch unterwegs. Meine Todessehnsucht kann jedoch auch dadurch befeuert worden sein, dass ich noch nicht mit meiner körperlichen Behinderung zurechtkam. Wenn ihr diesen Blog aufmerksam verfolgt, und wenn ihr mein social media-Auftreten kennt, wisst ihr, das ich Körperbehindert bin. Meine Körperbehinderung und meine Sehschädigung sind auf Grund einer Viruserkrankung und einem daraus resultierenden Herzstillstand erfolgt. Ich war zwei Minuten klinisch tot, ich kann froh sein, dass ich mich so gut erholt habe, das ich jetzt irgendwelche langatmigen Blogs schreiben kann. Auf jeden Fall beschäftigte mich damals das Thema Tod und Sterben sehr, was sich in diesem Gedicht niedergeschlagen hat.
Diesem ersten Gedicht sollten noch unzählige weitere Folgen, vor allem Liebesgedichte, für junge Mädchen und Frauen, die nichts von mir wissen wollten. Das erste Gedicht brachte mir aber auch eine Erkenntnis, ich sah die Sterne, sah die Nacht. Plötzlich hatte sich in meinem Kopf eine Tür geöffnet, dass schreiben brachte mir das Sehen zurück.
Das Licht in meinem Leben
Bereits im Blog – Der Traum vom Schreiben, nachzulesen hier:
Erklärte ich, wie ich zum Schreiben kam. Ein kleines Lob, kann manchmal viel ausrichten, darum liebe Eltern, achtet darauf wofür ihr eure Kleinen lobt, sonst erschafft ihr die nächste Desiréé Ange.
Schreiben war für mich eine Form der Psychotherapie, wobei ich der Psychologe aber auch der Patient auf der Couch war, ich weiß das klingt ganz schön schizophren. Schizophrenie wird Schriftsteller: innen eh oft vorgeworfen und es ist wahr. Wir könnten nicht schreiben, wenn wir nicht in den Köpfen unserer verschiedenen Figuren wären, natürlich gleichzeitig. Ich hoffe ihr legt nicht jedes meiner Worte auf die Goldwaage. Lob ist etwas Wundervolles, natürlich müsst ihr eure Kinder loben, ich bekam zu wenig Lob in meiner Kindheit und jetzt seht was aus mir geworden ist, eine Schriftsteller: Inn die keiner lesen will. Ich komme vom Thema ab, eigentlich wollte ich erklären, wie mir das Schreiben das Sehen zurückbrachte.
Erinnert ihr euch an dieses düstere Gedicht? In mir die Nacht stellte nicht nur literarisch eine Zeitenwende dar, auch in meinem Leben änderte sich etwas. Als ich anfing zu schreiben wurde ich sprichwörtlich in dieses Gedicht hineinversetzt. Ich sah die Sterne über mir. Ich stand auf einem Dach. Mein Leben war bereichert, bereichert um das Visuelle. Hiernach schrieb ich einige Romananfänge und der Effekt, dass ich plötzlich wieder sehen konnte wiederholte sich. Versteht mich nicht falsch, natürlich konnte ich nicht physisch sehen, aber ich erinnerte mich an die Farben, an die Bilder meiner Kindheit. In mir ist eine ganze Welt verborgen und durch das Schreiben kann ich sie betreten und Bilder aus ihr entführen. Ich vermute, dass ein Blind geborener Mensch, dass nicht unbedingt nachvollziehen kann, ich weiß es nicht. In der Blindenschule hatte ich viele Schul,- und Klassenkameraden, die noch nie in ihrem Leben gesehen haben, diese Schüler haben sich die Welt ertastet. In Geometrie brachte unser Mathelehrer Figuren aus Holz mit in den Unterricht, erst nachdem die Schüler erfühlt hatten, was ein Dreieck ist, konnten sie das Dreieck berechnen. Ich hörte das Wort Dreieck und sah ein Dreieck als der Lehrer mich fragte, ob ich auch fühlen wolle, sagte ich Nein ich wisse wie ein Dreieck aussieht. Die Jahre in denen ich noch sehen konnte waren wichtig, da ich sonst meine Arbeit, die Arbeit des Schreibens nicht machen könnte. Wenn meine Frau und ich uns hin und wieder ein Film mit Bildbeschreibung für Blinde ansehen, muss ich lächeln. Es wird dann z.B. erklärt, dass die blonde Frau in das Rote Cabrio steigt. Ich denke dann, die Beschreibung: „eine Frau mit hellem Haar, steigt in ein Auto“, hätte es auch getan. Die Anzahl von spät Erblindeten ist geringer als die Anzahl von Leuten, die noch nie was gesehen haben.
Und jetzt
2008, nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte, stand ich vor einer Wahl. Wie sollte es weiter gehen? Ich hatte den Wunsch zu schreiben, ich hätte auch einen anderen Weg wählen können. Ich fragte meinen Schatz, ob ich das Studium fortsetzen sollte, mit viel Glück könnte ich an der Uni bleiben. Eine gesicherte Arbeitsstelle. Inzwischen weiß ich, dass es für einen Körperbehinderten so gut wie unmöglich ist, als Dozent zu arbeiten. Unsere Gesellschaft ist noch nicht bereit hierfür. Ich entschied mich fürs Schreiben und da eine Schriftsteller: Inn überall schreiben kann und hier eine Wohnung frei stand, zogen wir nach Düren. Ein Programm des Bundes, dass persönliche Budget sollte mir den Weg ebnen. Seit dem 01.01.2008 existiert das persönliche Budget, Menschen mit Körper,- und oder Geistigbehinderte haben den Anspruch auf diese Geldleistung. Ich dachte mit Hilfe des persönlichen Budgets könnte ich mir ein Team aus Assistent: innen zusammenstellen. Ich könnte, so dachte ich, erstmal aus meinem Hobby einen Beruf machen. Zunächst war der Kreis für mich zuständig, jetzt ist es der Landschaftsverband Rheinland. Meine Frau und ich sind dem LVR sehr dankbar, da sie uns ein Selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Ich bin dem LVR außerordentlich dankbar, da ich dadurch auch schreiben kann.
Fazit
Ich bin zwar nicht blind, doch sehen kann ich auch nicht richtig. Ich sehe aber hell und dunkel, einige Farben und bei optimalen Lichtverhältnissen kann ich auch Konturen erkennen. Das bedeutet, blind bin ich zwar nicht, doch bringt mir das was ich sehe auch kaum was. Ich bin zufrieden mit dem was ich habe.
Die Poesie und die Literatur brachten mir das sehen ein Stück weit zurück. Das Schreiben ist und bleibt mein Traumberuf. Natürlich wünsche ich mir wie jeder andere Schriftsteller, wie jede Schriftstellerin irgendwann einmal vom Schreiben leben zu können.
Denkt immer daran Literatur ist Leben.
Eure Desiréé Ange
