Als Kind war ich nah am Wasser gebaut. Böse Zungen behaupteten, ich sei eine Heulsuse gewesen. Heutzutage behaupten böse Zungen, ich bin eine Heulsuse, also hat sich nichts geändert. Wenn ich mich selbst beschreiben müsste, würde ich sagen ich bin ein empfindsamer Mensch. Wenn Mann von sich behauptet, gefühlvoll zu sein, bekommt man den Stempel Weichei. Na gut, dann bin ich halt ein Weichei.
Das Werther-Phänomen
Im 18. Jahrhundert erschien der Briefroman die Leiden des jungen Werthers. Johann Wolfgang von Goethe ahnte nicht, dass durch die Lektüre dieses Buches die Anzahl der Selbstmorde dramatisch ansteigen würde. Die Leser: innen gingen, nachdem sie den Werther gelesen hatten, seinen Weg und der führte, bekanntlich, in den Freitod.
Wenn ihr den Roman lesen wollt und die Begeisterung fühlen wollt, die dieses Buch bei mir ausgelöst hat, dann klickt auf diesen Link:
Ich las den Werther im Alter von 15 Jahren, es veränderte mein Bewusstsein. Ich, der ich, schon immer gefühlvoll war, schämte mich jetzt nicht mehr dafür. Ich war nicht allein, der Werther empfand genauso.
Die Dunklen
Ich gestehe, ich war ein Gothic. Mitte der neunziger Jahre, war meine Kleiderauswahl im Schrank ziemlich eintönig. So schwarz wie meine Klamotten, war auch meine Seele, dachte ich, dann lernte ich meine Frau kennen, sie brachte mir die Sonne ins Leben. Meine bevorzugten Musikrichtungen waren Gothic-Metall und Gothic-Darkwave. In beiden Musikströmungen singen die Interpret: innen über ihre Gefühle. Ich feierte dies, sprachen sie mir doch aus dem Herzen. Warum wollten die anderen Musiker ihre Härte demonstrieren, warum sprach ein Rapper davon, dass er die Alte schon flachlegen würde, warum sprach ein Rockmusiker davon, dass ein Mann nicht weinen darf?
Ich erkannte, dank meiner Frau, dass es mehr als schwarz und weiß gibt, inzwischen ist mein musikalisches Repertoire riesengroß. Die schwarzen Klamotten wurden auch durch farbenfrohe Kleidungsstücke ersetzt. Wenn ich es möchte kann ich aber ab und zu noch in die düsteren Klänge abtauchen, doch dies geschieht ohne Zwang.
Die andere Identität
Nachdem ich 2008 mein Pseudonym der Desiréé Ange erfunden hatte, viel es mir leicht, den weiblichen Blick einzunehmen. Eine Frau schreibt anders als ein Mann. Eigentlich wollte ich die weibliche Zielgruppe ansprechen, Frauen lesen Bücher von Frauen, ein Mann hat es da schwer. Einige Liebesroman Autoren haben es geschafft sich eine weibliche Zielgruppe zu erschließen, doch das ist eher eine Ausnahme. Ein Niclas Sparks ist vielleicht kein Weltautor, doch versteht er es Frauenherzen zum Schlagen zu bringen.
Andere Autoren schaffen es dank ihrer erfolgreichen Mütter für die Weibliche Zielgruppe zu schreiben. Ein Robin Pilcher, hätte vielleicht keinen Roman veröffentlicht, wäre seine Mutter Rosamunde Pilcher nicht so im kollektiven Bewusstsein gewesen. Und der Sohn von Lucinda Riley, Kit Riley, hätte ohne seine Mutter, keinen Erfolg mit seinem Roman gehabt, behaupte ich.
Ich wollte mir die Mühe ersparen und wählte einen weiblichen Namen.
Das mir dieses Pseudonym eine andere Perspektive schenkte war ein unerwartetes Geschenk.
Wenn ich als Desiréé Ange schreibe, dann öffnet sich in mir eine Tür, ich werde dann zu einem anderen Menschen. Ich fühle und ich denke anders, ich habe andere Erinnerungen, die mich prägen.
Im Blog: Name ist Identität, erörterte ich bereits, wie ich zu dem Pseudonym Deriréé Ange kam.
Wenn ihr ihn noch einmal lesen wollt, dann klick auf den Link:
Die Toxische Männlichkeit
Männlichkeit wird heutzutage häufig als toxisch bezeichnet, ich finde das schlimm, da ich genug gefühlvolle Männer kenne. Ich würde behaupten, dass ein Mann genauso viele Facetten haben kann wie eine Frau. Männer werden meist als Hart und Dominat dargestellt, ich wurde auch schon als Macho bezeichnet, das hat mich sehr verletzt. Warum hat mich das angegriffen?
Ich glaube, weil ich ein anderes Verständnis von Männlichkeit habe.
Meine Frau sagt über mich, ich bin 60% Frau und 40% Mann und das hat unserer Beziehung nie geschadet, es hat sie eher bereichert. Mir ist bewusst, dass es andere Männer gibt und ich fordere sie auf, wenn sie das hier lesen, einmal kurz innezuhalten und sich zu fragen, bin ich zufrieden mit meiner Männlichkeit oder möchte ich daran arbeiten.
Fazit
Mir persönlich hat es nicht geschadet als ein Weichei zu gelten. Ich stehe zu meinen Gefühlen, bin sogar stolz darauf weinen zu können. Der Briefroman, die Leiden des jungen Werthers, haben mich in meiner Einstellung bestärkt. Ich fühlte mich nicht mehr allein, sondern sah Weggefährten.
Meine dunkele Phase war ebenfalls ein wichtiger Abschnitt in meinem Leben, Musik half mir bei der Entwicklung. Die Identität der Desiréé Ange half mir ebenfalls meine weibliche Seite zu finden und anzunehmen. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mann an seiner Männlichkeit arbeiten kann.
Denkt immer daran Literatur ist Leben.
Eure Desiréé Ange.
