Er atmet wieder frische Luft ein. Unter seinen Schuhsohlen feste Erde. Endlich frei. Viel zu lang war er hinter Gittern, verurteilt, weil er gestohlen hatte. Doch der Hunger brannte in seinem Bauch. Er träumt davon, als freier Mann in einem Gasthaus zu schlafen. Seine Kleidung schreit aber, hier kommt ein Sträfling! Ein Gastwirt nach dem anderen jagt ihn davon, auch die Bauern wollen ihm kein Obdach geben. Ein Bischof sieht den Wanderer, er bietet ihm eine Übernachtungsmöglichkeit. Der Sträfling ist überwältigt, er weiß nicht, was er sagen soll. Eine Nacht im Bischofs-Palast, in einer guten Kammer. Bei Tagesanbruch ist der Sträfling verschwunden und es fehlt etwas. Zwei silberne Kerzenleuchter. Der Besucher des Bischofs wird rasch entdeckt und in seinem Ranzen findet man tatsächlich die Leuchter. Der Dieb wird vor den Bischof geführt, dieser behauptet gegenüber einem Polizisten, er hätte ihm diese Leuchter geschenkt.
Das ist der Beginn des Jahrhundert Romans Die Elenden vonVictor Hugo. Falls ihr euch wegträumen wollt, dann lege ich euch diesen Brocken ans Herz.
Dieser Roman wurde auch wiederholt verfilmt, vielleicht kennt ihr auch das Musical Les Miserables.
Ganz gleich in welcher Form ihr euch das Werk zu Gemüte führt, der am Anfang erwähnte Bischof, nimmt eine populäre Stellung im Leben des Romanhelden Jean Valjean ein. Der Bischof, war es, der in dem Dieb etwas sah. Er gab ihm noch eine letzte Chance, dadurch wurde er zum Mentor Valjeans.
Die Bedeutung der Lehrmeister:innen
Warum ist der Bischof so wichtig für Jean Valjean? Der Romanheld erlebte sein ganzes Leben lang Ablehnung: Er landete im Gefängnis, weil er stahl. Er versuchte zu fliehen und sein Galeerendienst wurde verlängert. Befindet ein Mensch sich einmal im Abwärtsstrudel, kann ihn niemand herausholen. Der Bischof, der an das Gute im Menschen glaubt, reicht ihm aber die Hand. Valjean wird nicht nur zum Romanhelden während seiner Heldenreise, wird er selbst zum Lehrmeister. Vor allem wird er widererwartend zum Vater für ein kleines Mädchen. Die Lehrmeister:innen sind es, die eine Geschichte formen.
Im September hatten wir etwas über den Kurier erfahren, falls ihr nachlesen wollt, hier der Link:
Der Kurier sorgt für eine Initialzündung. Die Lehrmeister:in ist es, die für Struktur sorgt.
An der Seite unserer Held:innen Figuren
In dem Grundlagenwerk, Die Odyssey der Drehbuchschreiber, Romanautoren und Dramatiker skizziert der Verfasser Christopher Vogler die Figur des Mentors. Er hat die Aufgabe die Heldenfigur auf ihre Heldenreise vorzubereiten. Der Held oder die Heldin ist in erster Linie faul. Würden wir nicht alle am liebsten wie ein Hobbit in unserer gemütlichen Höhle sitzen bleiben? Warum sollten wir in die Fremde? In der Küche steht der Kühlschrank, auf dem Smart TV haben wir Netflix und darunter steht die Popcorn Maschine. Sollen doch die anderen die Abenteuer erleben. Der Mentor spuckt unserem ungewollten Helden in die Suppe. Mit einem Fußtritt befördert er ihn aus der Haustür. Zum Glück erklärt er sich bereit an der Seite der Helden zu bleiben. Die Mentoren sind meistens leicht auszumachen. Es sind nicht nur alte weise Zauberer mit langen weißen Bärten, manchmal ist es die beste Freundin der Romanheldin. Manchmal wird sogar eine Mentorin zur wichtigen Nebenfigur. Für alle Schriftsteller:innen und alle anderen, die in das Handwerk des Schreibens hinein schauen möchten, hier der Link zu Voglers Buch:
Die Heldenfigur muss irgendwann aus dem Schatten des Mentors treten. Vielleicht wird die Heldin wie im oben genannten Fall des Jean Valjean selbst zum Mentor oder Lehrmeister. Manchmal wird die Mentorin auch zum Feind, zum Gegenspieler.
Wenn die Mentorin zum Antagonisten wird
Auf dem Heimweg von der Schule hat Michael einen Anflug von Übelkeit. Er erbricht sich, eine Frau eilt herbei, hilft ihm, tröstet ihn.
Bernhard Schlink hat mit dem Erfolg nicht gerechnet. Der Jurist hatte einen anderen Lebensweg eingeschlagen, als er mit der Arbeit an Der Vorleser begann. Inzwischen hat er viele weitere Bücher veröffentlicht.
Die Frau, welche unserem Romanhelden hilft, nimmt in dessen Leben sehr viel Raum ein. Sie wird zur Geliebten aber auch zur Mentorin. Aber zur negativen Mentorin. Der Ich-Erzähler muss sich von dieser Gegenspielerin befreien. Eine sehr mitreißende Geschichte, die bis zur letzten Seite fesselt.
Wenn euch das Buch noch nicht vertraut ist, möchte ich es euch ans Herz legen:
Fazit
Die Schule des Lebens hält spannende Lehrer:innen für uns bereit. Die Romanhelden und Romanheldinnen werden durch die Mentoren auf ihre Heldenreise vorbereitet. Manchmal erklären sich die Lehrmeister:innen auch bereit ein Stück des Weges mitzugehen. Die Heldinnen werden oft verzweifeln, vor ihrer Aufgabe zurückschrecken. Dann muss die Mentor:in zur Stelle sein und unsere Helden voran treiben. Manchmal kommt es durchaus vor, dass eine Mentor:in zum Gegner, zum Antagonisten wird.
Die Vorstellung der Romanfiguren geht weiter. Im Februar lernen wir die Figur des Hüters kennen.
Euch ein frohes Fest und einen guten Start in ein Jahr 2023, das hoffentlich ein wenig Frieden bringt.
Denkt immer daran, Literatur ist Leben.
Eure Desirèè Ange
