Der WM-Pokal wird in den Nachthimmel gereckt. Die Spieler, die Mannschaft jubelt. Deutschland ist Weltmeister, die Emotionen sind der Wahnsinn. Auch meine Frau und ich liegen uns in den Armen. Tränen strömen uns über die Gesichter. In unseren Herzen ein Anflug von Stolz. Nationalstolz, was ist das? Stolz zu sein auf sein Land, dürfen wir das? Es ist ein zweischneidiges Schwert. Im Schulunterricht lernen wir mit unserer Nationalgeschichte zu leben. Das Wort Stolz hat einen merkwürdigen Beigeschmack. Der Zeitraum 1933 bis 1945 war einfach zu prägend.
2002 haben wir meine Mutter in Köln besucht. Es war eine andere WM, ich kann nicht sagen welche, damals hatten wir noch keine Freude an Fußball. Die Hinfahrt war problemlos, doch auf der Rückfahrt kamen wir in einen Pulk von türkischen Fußballfans. Die Frauen und Männer waren einfach nur froh, dass die türkische Nationalmannschaft das Achtelfinale erreicht hatte. Sie waren euphorisch, glaubten daran, dass die Türkei eine Runde weiterkommt. Wir wollten nur zum Bahnhof, doch freuten wir uns über die ausgelassene Stimmung. Ich kam ins Grübeln und sagte zu meiner Frau, dass der Unterschied zur deutschen Mentalität frappierend ist.
2014 ging aber plötzlich ein Ruck durch die Gesellschaft, es hatte sich in den letzten acht Jahren langsam aufgebaut und plötzlich war man stolz auf das eigene Land. Meine persönliche Lebensgeschichte ließ mich schon recht früh so etwas wie einen Nationalstolz ausbilden, doch dazu später.
Ein dunkles Kapitel
In der Grundschule, ich war neun Jahre alt, musste ich unserem Hausmeister das Milchgeld bringen. Er, ein Mann von circa 70 Jahren, hatte ein kleines Kabuff in der Eingangshalle. Dieser Arbeitsstätte hatte er sich persönlich gestaltet. Einige Fotografien hingen an der Wand. Ich überreichte ihm das Geld und blickte mich um, da sah ich ein Foto, auf dem ein junger Mann von knapp 18 Jahren in einer Badehose einem anderen die Hand schüttelte. Ich sah dieses Foto, dachte mir – woher kennst du den Typen? Dieses kleine Bärtchen. Der Mann sieht ja fast so aus wie Charlie Chaplin.
Etwas später sah ich den großartigen Film Der Große Diktator
Für diejenigen unter euch, die den Film nicht kennen, Charlie Chaplin tritt hier in einer Doppelrolle auf. Einerseits verkörpert er den Diktator, andererseits einen kleinen Friseur. Die beiden Charaktere gleichen sich optisch bis aufs Haar, aus diesem Grund gibt es eine große Verwechslung. Wenn ihr mal reinschauen wollt, folgt dem Link:
https://www.amazon.de/s?k=der+gro%C3%9Fe+diktator+blu+ray&crid=1A5TO6OA0LMK3&sprefix=Der+gro%C3%9Fe+dikt%2Caps%2C85&ref=nb_sb_ss_ts-doa-p_3_14
Die Figur des Anton Hynkel, die ganz klar an Adolf Hitler angelegt war, führte zu sehr viel Unverständnis. Was fällt Charlie Chaplin ein, jemanden auf die Leinwand zu bringen, der einen Massenmörder ist? Chaplin erklärte humorlos, dass er Hitler den Spiegel vorgehalten hätte. Viele Chaplin Liebhaber kehrten ihm aber den Rücken und seine Verbannung aus den USA, hatte sicherlich auch mit Der große Diktator zu tun.
Mit Neun Jahren hatte ich nichts mit Politik am Hut, klar hatte ich schon einmal etwas von diesem Hitler gehört, doch wusste ich nichts von den Gräueltaten. Interessiert sah ich diesen Chaplin Film, ich sah ihn mit der Weltkugel tanzen und stellte im Kopf die Verbindung her. Diese Witzfigur sollte eine Parodie auf Hitler sein. Auf die Person, die unserem Hausmeister die Hand geschüttelt hatte. Mein Interesse an Alltagspolitik war geweckt. Plötzlich begann ich Zusammenhänge zu hinterfragen. Ich schaltete die Nachrichten ein, es war, als ob mir jemand eine Brille mit Rauchglas von der Nase genommen hätte. Wichtig war, dass ich es plötzlich ablehnte, alles abzunicken. Etwas wie die Barschel Affäre, löste bei mir 1000 Fragen aus.
Ein Begriff wie stolz wurde von mir plötzlich ganz anders gewertet. Mit meinen Eltern war ich oft genug in der Türkei gewesen. Hier hatten wir nie auf die Uhr gesehen. Wenn der Fernseher lief, kam es oft zu Sendepausen, dann lief die türkische Nationalhymne. Kinder in ihren Schuluniformen standen vor der Flagge und sangen aus voller Kehle. Verwundert nahm ich das zur Kenntnis und fragte mich, wie ist denn eigentlich der Text der deutschen Nationalhymne? Ich fühlte mich nie als ein Mitglied der türkischen Nationalität. Es war ein Reiseziel, meistens war ich es nach zwei Wochen leid. Gerne hätte ich auch andere Länder bereist, doch die Eltern wollten immer stur in die Türkei.
Das korrupte Militär
Mein Vater war chronisch krank. Er war Asthmatiker. Wir sahen einmal einen Bericht im Fernsehen, in dem die armen Rekruten durch den Staub robben mussten. Kurze Zeit später bekam er seinen Einberufungsbefehl. Die Panik war groß: „Oh Gott, oh Gott, ich mit meinem Asthma!“
Er telefonierte sich die Finger wund, keine Chance, er musste persönlich erscheinen. Mein Vater nahm seinen kompletten Jahresurlaub, flog in die Türkei und wurde vorstellig. Der Militärarzt sagte, dass die Untersuchungen ergeben hätten, mein Vater wäre wehrtüchtig. Sein Arbeitgeber, in Deutschland, müsse ihn freistellen. Mein Vater war entsetzt. Was konnte er machen? Der Militärarzt ließ in diesem Gespräch durchblicken, dass er sich schon immer einen Videorecorder gewünscht hätte.
-Konnte das sein? – Dachte mein alter Herr, lief es auf Bestechung heraus?
Er erkundigte sich vor Ort wo man einen Videorecorder kaufen konnte, und erwarb ein Gerät. Diesen Karton stellte er am nächsten Tag auf den Tisch des Arztes. Wehrunfähig stand plötzlich auf einem Bescheid.
Ich persönlich, Rollstuhlfahrer seit meinem elften Lebensjahr, habe eine ähnliche Erfahrung gemacht. Ich bekam im Alter von 19 Jahren auch meinen Einberufungsbefehl. Ich sollte dazu sagen, dass meine Mutter ihn bekam. Sie eilte ins Kinderkrankenhaus, um mit den Ärzten zu sprechen, ob sie mir nicht ein Attest ausstellen könnten, schließlich war ich vor acht Jahren dort Patient. Unterlagen wurden kopiert, ins türkische übersetzt und notariell beglaubigt. Meine Mutter schickte die Unterlagen in die Türkei, dass türkische Militär schrieb ihr, sie würden ihr nicht glauben. Ich hätte persönlich zu erscheinen. Ich war zu diesem Zeitpunkt in einer Reha-Klinik, wir telefonierten und redeten über die Probleme meines Vaters, am Ende dieses Gespräches fragte sie, wieviel Geld hast du auf deinem Konto? Ich schluckte und erwiderte, dass es knapp 1000 D-Mark sein müssten. Ich sollte das Geld abheben und ihr schicken. Ich tat es, sie buchte einen Flug, probierte es noch einmal mit einem persönlichen Gespräch, aber der Militärarzt blieb hart. Meine Mutter legte den Umschlag mit dem Geld auf den Tisch und erklärte, sie müsste mal eben vor die Tür. Er könne ja mal in den Umschlag reingucken. Das Ende vom Lied, ich musste nicht zum Militärdienst. So viel zu meinem Nationalstolz. Mit der Türkei wollte und will ich nichts mehr zu tun haben.
Nur ein Dokument
„Wie würde es dir gefallen, den deutschen Pass zu erhalten?“
Die Frage meiner Mutter ließ mich aufhorchen. Es war ein lang gehegter Traum, doch dachte ich, dass er unerfüllt bleiben müsse.
„Ist das denn nicht superkompliziert? Muss man da nicht ganz viele Fragen beantworten? Ich weiß nicht, ob ich das neben der Schule gestemmt kriege.“
Es ist gar nicht so schwer erklärte sie, sie hätte es in Köln für sich beantragt und sie könne die bürokratischen Hürden für mich übernehmen.
„Dann mach mal.“
Nach einer Woche saß sie bei mir im Zimmer des Blindenheims und eröffnete mir, dass sie die Sache angeleiert hätte. Nach ein paar Monaten erhielt ich ein offizielles Schreiben, in dem stand, dass ich staatenlos sei. Ein gutes Jahr später bat mich meine Mutter in das Bürgerhaus in Köln-Mühlheim zu kommen. Ich konnte meinen Personalausweis abholen. Völlig verdattert rief ich einen Bekannten an, der dann mit mir nach Köln fuhr. Ich bekam den Personalausweis und hatte plötzlich die deutsche Staatsangehörigkeit. So schnell kann es gehen. Empfand ich stolz? Ich war glücklich, dass dies so reibungslos funktioniert hatte, ich war glücklich ein Teil dieses Landes zu sein und fühlte mich gut aufgehoben. Wenn ich die beiden Nationen gegenüberstelle, muss ich sagen, dass ich durchaus stolz auf Deutschland bin.
Ein anderer Traum
Juli 2018 erhielt ich einen Anruf von einer Mitarbeiterin. Was war geschehen? Mittags hatten wir doch noch gearbeitet. Hatte sie irgendetwas vergessen?
„Ich habe es!“
„Was hast du?“
„Ich habe den Roman, unseren Roman, Branding ins Herz.“
In diesem Moment war ich gerührt und als ich mein Exemplar in den Armen hielt empfand ich einen riesigen Stolz.
Fazit
Wir können stolz sein auf erreichte Ziele, Nationalstolz kann manchmal etwas Gutes sein, es wird aber häufig negativ ausgelegt. Wir sollten stolz sein auf unser Handeln, auf uns, denn wir sind unsere eigenen Helden.
Denkt immer daran, Literatur ist Leben.
Eure Desirèè Ange
