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Entscheidungen

Unser Leben ist von unseren Entscheidungen geprägt.

Es sind die Entscheidungen, die unseren Lebensweg bestimmen. Stehen wir in einem Wald an einer Weggabelung, überlegen wir, nehmen wir jetzt die linke oder die rechte Abzweigung, wo wird uns unsere Entscheidung hinführen? Unser Leben ist ein wenig komplizierter als ein Waldweg, eine einmal getroffene Entscheidung kann unser ganzes Leben auf den Kopf stellen. Mit zwei Freunden stand ich einmal auf einer Hügelkuppe, unter den Kindern und Jugendlichen war der Weg ins Tal als die Todesschlucht bekannt. Viele junge Erwachsene waren hier mit ihren Motorrädern verunglückt, aus irgendeinem Grund gab es zwei Betonpfeiler am Ende dieser Strecke, und es war sehr schwierig sich dadurch zu schlängeln. Die Freunde, acht und neun Jahre, wollten da unbedingt mit ihren Fahrrädern durchdonnern, sie boten mir eines ihrer Fahrräder an,  ich schüttelte den Kopf. Im ersten Moment hatte ich überlegt, wollte ich doch kein Angsthase sein, ich war doch älter als sie. Alles in mir sträubte sich gegen diese Höllenfahrt, so sagte ich einfach Nein. Ich konnte und wollte es ihnen nicht ausreden, sie waren ihres eigenen Glückes Schmied. So rasten sie runter, ihnen geschah zum Glück nichts. Doch ich war froh über meine Entscheidung. Hätte ich diese Fahrt gewagt, hätte es auch schlecht für mich ausgehen können, ich kannte diese Fahrräder nicht. Vielleicht würde ich jetzt nicht hier sitzen.

Ein großer Fehler

Meine Tante wohnte mit ihrem Mann in der Nähe von Aachen. Beinahe jedes zweite Wochenende waren wir, meine Eltern und ich, zu Gast bei ihnen. Ich muss drei oder vier Jahre alt gewesen sein, da fragten mich Kinder, die ebenfalls in dem Mehrfamilienhaus wohnten, ob wir nicht irgendwas zusammen unternehmen wollen. Verwandtschaftsbesuche können langweilig sein, so ging ich gerne mit. Über drei Ecken waren wir sogar miteinander verwandt, meine Eltern dachten sich nichts Böses. Der Nachbar hatte sein Einfamilienhaus besonders gestaltet. Eine Hauswand war komplett mit Kacheln verziert. Das muss eine wahnsinnige Arbeit gewesen sein. Eins der beiden Kinder, es waren Mädchen, die eine etwa gleichalt wie ich, die andere etwas jünger, deutete auf Steine. Ich wusste nicht, was sie wollte, also machte sie es vor. Sie nahm einen Stein und zerschlug eine Kachel. Zunächst war ich verdutzt, doch da das andere Mädchen bei diesem Zerstörungswerk mitmachte, fing ich auch irgendwann an. Total sinnlos zerstörten wir eine Kachel nach der anderen. Hirnlos war ich zum Mitläufer geworden. Der Eigenheimbesitzer rannte kurze Zeit später aus dem Haus, er schrie und tobte. Wir stellten die Zerstörungen augenblicklich ein und wie ein begossener Pudel ging ich voran zu meiner Tante.

Die Stimmung war wie vor einem Gewitter, meinem Vater war es rasch gelungen den Geschädigten zu beruhigen: „Wir sind gut versichert und wir werden für den Schaden aufkommen. Ich kann ihnen gar nicht sagen, wie leid es uns tut…“

Der Nachbar ließ sich von den beiden Übeltäterinnen zu deren Eltern führen, so stand ich bald allein vor dem Inquisitions-Gericht. Meine Tante und mein Onkel wirkten traurig, meine Eltern aufgebracht. Papa schrie und tobte, er versprach mir die schlimmsten Prügel, dann erhob er die Hand, um mir schon einmal einen Vorgeschmack zu geben.

„Halt!“, rief meine Tante.

Meine herzensgute Tante, die nie ihre Stimme erhoben hatte, solange ich sie kannte, gebot meinem Vater Einhalt.

„Ich kann nichts dagegen sagen, was du zuhause machst, aber das hier ist meine Wohnung und da wird kein Kind geschlagen.“

So oder ähnlich hatte sie sich geäußert. Papa war konsterniert, er versuchte noch einmal sich zu rechtfertigen, er wollte mir unbedingt eine scheuern, doch sie blieb fest bei ihrer Meinung.

Ich habe an diesem Tag keine Prügel bezogen, ich entwickelte eine Instanz, etwas, was mir half, nein zu sagen. Meiner Tante bin ich bis zum heutigen Tag dankbar.

Literarische Entscheidungen

Für uns Leser ist es manchmal schwer die Entscheidung einer literarischen Figur auszuhalten.

Wer hat nicht schon gedacht – nein Emma, steig nicht in die Kutsche oder halt dich von dieser Frau fern Michael – wirleben in den Romanen, die wir lesen.

Die Welt zwischen zwei Buchdeckeln ist voller Fehlentscheidungen und das ist auch gut so, das Lesen würde uns nicht so viel Freude machen, träfen unsere Protagonisten stets die richtigen Entscheidungen. Bei unseren eigenen Entscheidungen würden wir uns dann doch wünschen, wir könnten die Zeit zurückdrehen. Hätten wir doch ein Stundenglas wie bei Harry Potter Band 3, dann könnten wir für wenige Stunden in der Zeit zurück reisen. Wir sind keine Zeitreisenden und das ist auch gut so. Wir sollten genauestens überlegen, für was wir uns entscheiden.

Die fehlende Fahrkarte

Meine Eltern erzogen mich zur Mithilfe, so konnte ich seit frühester Kindheit mein Kinderzimmer von Staub befreien, und ich half auch beim Wocheneinkauf. Ich kann nicht mehr sagen, wie alt ich an diesem Tag war, vielleicht neun oder zehn? Mit der U-Bahn fuhr ich nach Köln Kalk, in der Tasche das abgezählte Einkaufsgeld und einen Einkaufszettel. Die Verkäufer müssen gedacht haben, ich sei taubstumm, weil ich den Einkaufszettel auf die Theke legte, um mit dem Finger auf die verschiedenen Produkte zu tippen. Ich traute mich nicht, meine Stimme zu nutzen. Irgendwann hatte ich alle Besorgungen gemacht, ich trottete mit zwei prall vollen Tüten zur U-Bahn Haltestelle. Wäre ich mal in meinem Trott geblieben.

-Wo geht es jetzt runter? Wo kam ich her? Von hier oder von dort?

Ich war völlig verwirrt, lief von Einstieg zu Einstieg, hin und her.  Das konnte doch nicht wahr sein, ich war doch nicht das erste Mal einkaufen. Ich entschied mich für eine Rolltreppe und fuhr ins Unglück. Die U-Bahn Haltestellen in Köln sind unterschiedlich farbig gekachelt, leider wiederholen sich einige Farben, so konnte ich nicht erkennen, dass ich mich von zu Hause entfernte.

Mit einem grummeln im Bauch nahm ich die Rolltreppe nach oben und befand mich in einer fremden Gegend.

Mist, und jetzt?

Ich stellte die Einkaufstüten ab, fischte nach meiner Fahrkarte. Ich hatte mich nicht geirrt, sie war voll gestempelt. Ich hatte auch kaum Wechselgeld erhalten, meine Mama war eine wahre Rechenmaschine und wusste genau wieviel die verschiedenen Sachen kosteten. Mein Taschengeld war für die neueste Micky Mouse drauf gegangen. Ich nahm es wie ein Mann, plumpste auf die nächste Bank und heulte. Die Rettung nahte in Gestalt eines gut angezogenen Mannes, der ein etwa vierjähriges Kind an der Hand hielt. Die beiden blieben vor mir stehen.

Der Mann sprach mich freundlich an: „Was ist denn los, warum weinst du denn?“

Ich schüttete den beiden mein Herz aus.

Der Mann überlegte nicht lang: „Wir wohnen ganz in der Nähe von deinem zu Hause, komm wir nehmen dich mit.“

Im ersten Moment freute ich mich, das war ja supernett, doch dann begann eine Alarmglocke in meinem Kopf zu läuten. Wie war das? Steig nicht zu Fremden ins Auto, aber dieser Mann hatte einen kleinen Jungen bei sich, also war doch alles OK. Was wäre, wenn dieser vierjährige nur als Tarnung diente? Langsam schüttelte ich den Kopf, ich entschloss mich dazu eine Straftat zu begehen und fuhr schwarz.

Fazit

Das Leben ist unsere Schule, mit jeder Entscheidung, die wir treffen, formen wir unser Leben, als wäre es ein Stück Knete. Hätte ich damals nicht die Kacheln zertrümmert, hätte ich vielleicht nicht die Entscheidung getroffen das Angebot des fremden Mannes abzulehnen. Meine Tante war milde und durch ihr Verzeihen eröffnete sie mir einen neuen Weg. Der Wert meines Lebens wurde mir bewusst, so sehr, dass ich sogar den Spott meiner Freunde ertragen konnte und mich dagegen entschied, die Schlucht herunterzufahren.

Täglich treffen wir Entscheidungen, wir wissen nicht, wie sie uns im Roman des Lebens beeinflussen. Ich bitte euch nur, bereut eure Entscheidungen nicht.

Denkt immer daran, Literatur ist Leben.

Eure Desiréé Ange