Eurydike ist tot. Sie war Orpheus Seelenverwandte, der berühmte Sänger kennt nur noch traurige Lieder. Er macht sich auf den Weg in die Unterwelt, um sie zurückzuholen. Der Eingang wird von einem schrecklichen Untier, dem Zerberus, einem Hund mit drei Köpfen und einem Schwanz, der wie eine Schlange gestaltet ist, bewacht. Dieses Monster lässt sich von Orpheus Klage bewegen den Weg freizumachen. So gelangt ein Lebender in die Unterwelt.
Falls ihr das Ende dieser märchenhaften Erzählung nicht kennt, möchte ich sie euch nicht vorwegnehmen. Lest es doch einfach nach, unter folgendem Link findet ihr den Mythos von Orpheus in der Unterwelt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Orpheus_in_der_Unterwelt#Handlung_der_ersten_Fassung_(1858)
Der Bahnsteig 9 ¾
In dem Briefumschlag, den Harry von Hagrid überreicht bekommt, befindet sich eine Fahrkarte für den Hogwarts Express. Harry soll am 1. September vom Gleis 9 ¾ in sein neues Leben aufbrechen. Seine Verwandten sind so nett, ihn zum Bahnhof zu fahren. Harry ahnt nicht, dass sie nur so nett sind, weil sie sein verdutztes Gesicht sehen wollen, denn das Gleis 9 ¾ existiert auf den ersten Blick nicht. Wo es sein müsste, hängt ein Fahrkarten Automat. Für unseren Romanhelden stellt die Schwierigkeit auf das geheime Gleis zu gelangen, eine Herausforderung dar. Harry steht vor einem verschlossenen Tor. Unsere literarischen Figuren stehen nach ungefähr einem Drittel eines Romans vor verschlossenen Toren. Manche Tore werden von bedrohlich wirkenden Kreaturen bewacht und manchmal ist es ein Fahrkarten Automat, der sich dort befindet, wo eigentlich ein Gleis sein sollte. In der Odyssee des Drehbuchschreibers von Christopher Vogler wird dieses fünfte Stadium als das Überschreiten der Schwelle bezeichnet.
Wenn der Held bzw. die Heldin dieses Stadium erreicht hat, muss sie eine Reihe von Abenteuern bewältigen. Ihr seht, dass dieses fünfte Stadium sehr wichtig für die Literatur ist. Die Autoren denken sich meist komplexe Handlungsstränge aus, um ihre Protagonisten durch dieses Tor hindurchzuleiten.
Das Klopfen
Edmond Dantès hat alle Hoffnung aufgegeben. Er wurde zu Unrecht verurteilt und wartet im Kerker auf den Tod. Plötzlich hört er ein Klopfen und bald darauf verschafft sich ein Mithäftling zutritt in seine Zelle. Abbè Faria ist der Name dieses Mitgefangenen. In jahrelanger Arbeit grub er sich einen Tunnel, der ihn in die Freiheit führen sollte. Doch führten ihn seine Mühen nur in Dantès Zelle. Vielleicht kennt ihr den Roman Der Graf von Monte Christo, vielleicht ist auch eine der Verfilmungen in euren Erinnerungen präsent. Wenn ihr Lust habt, in dieses Buch hineinzuschlüpfen folgt diesem Link:
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Graf_von_Monte_Christo
Der Graf von Monte Christo hat all das, was eine spannende Heldenreise haben muss und vor allem hat er ein interessantes fünftes Stadium zu bieten. Durch Abbè Faria schöpft Edmond noch einmal Hoffnung. Er wird zu seinem Mentor. Erinnert euch bitte an den vorletzten Blog:
Ich möchte nicht spoilern, falls ihr die Geschichte nicht kennt, doch gelingt es Dantès durch Abbè Faria seinem Kerker zu entfliehen.
Fazit
Unsere Helden stehen oft vor verschlossenen Türen. Manchmal sind es auch Tore, wenn wir an die Fantasiewelt eines Tolkien denken. Es ist aber nicht immer so einfach, dass man nur das Wort Freund sagen muss, damit sich dieses Tor öffnet. Manche Heldinnen müssen im Vorfeld ihrer Bewährungsprobe, Voglers sechstem Stadium, leiden. Meistens werden die verschlossenen Tore von Schwellenhütern bewacht, an denen unsere Helden erst einmal vorbeikommen müssen. Dieser Blog ist diesen Schwellenhütern gewidmet.
Denkt immer daran Literatur ist Leben.
Eure Desirèè Ange
