Sie verlangt nicht viel. Fordert das Recht ein, frei über ihren Körper entscheiden zu dürfen. Jodi Picults beeindruckende Protagonistin ‚Anna‘ wurde ihrer Aussage nach als Ersatzteillager für ihre ältere Schwester gezeugt. Die Schwester, die von Geburt an eine Operation nach der anderen erleiden muss, doch jetzt ist Schluss, Anna erkämpft sich das Recht, über ihren eigenen Körper, zur Not vor Gericht.
Für meine literarische Entwicklung glich dieser Roman einem Hammer, der alles zuvor Gelernte zerschlug. Aus den Trümmerteilen setzte ich mein Schaffen neu zusammen, ich möchte ihn euch ans Herz legen:
Anna, die Romanheldin, verbirgt ein Geheimnis. Jede gut entwickelte Protagonistin, jeder seriöse Protagonist sollte ein Geheimnis haben. Die Romanhelden werden dadurch angreifbarer, doch werden sie auch realer. Ich bitte euch darum, schließt eure Augen und haltet einen Augenblick inne, auch ihr werdet ein Geheimnis haben. Etwas, worüber ihr noch mit niemandem gesprochen habt.
Wie kann uns so ein Geheimnis helfen, wie bringt es euren Roman weiter? Eure Heldin lebt jeden Tag damit, von dem Moment des Erwachens bis zum Schlafengehen schwelt dieses Geheimnis in ihr. Nehmen wir mal an, eine Frau wird in ihrer Beziehung misshandelt. Nehmen wir weiter an, dass sie es erträgt; vielleicht liebt sie ihren Partner so hingebungsvoll, dass sie ihm alles verzeiht. Wir verstehen oft die Beweggründe nicht, da wir die Hintergründe nicht kennen. Jetzt gehen wir davon aus, Familie X hat eine Tochter, sie ist drei und der Vater erhebt das erste Mal die Hand gegen sie. Jetzt kann die Mutter nicht mehr wegsehen. In der Nacht greift sie sich die Kleine und ist weg. Wir Leser lernen diese Frau in einer Geschichte kennen und wir wundern uns die ganze Zeit, warum sie über die Schulter guckt. Sie reist von einer Stadt in die andere, hat die ganze Zeit Angst, dass ihr Mann sie findet. Vielleicht hat sich diese Paranoia in ihr verankert. Der Mann sucht sie eventuell gar nicht, vielleicht terrorisiert er eine andere Frau. Doch das Geheimnis, welches sie im Herzen trägt, das Geheimnis, welches sie in jede neue Stadt begleitet, wird sie nie loswerden. Ist die Autorin bereit, den Leserinnen das Geheimnis zu enthüllen? Es kommt auf die Autorin an. Wohl möglich lässt sie ihre Leserschaft im Ungewissen, doch manchmal sind einige auch bereit, ein Geheimnis preis zu geben.
Als ich die Idee zu ‚Erkaufte Zeit‘ hatte, der Roman ist unter meinem Klarnamen ‚Cüneyt Durgun‘ erschienen, wusste ich, dass der Ich-Erzähler ein Geheimnis hat. Voller Schuldbewusstsein begibt er sich auf eine Odyssee, dieses Geheimnis treibt ihn voran. Er hat Angst, sich sein Versagen einzugestehen. Als Ich-Erzähler durfte sich ‚Andre‘ nicht zu früh daran erinnern. Ich wusste, wenn er sich daran erinnert, dann erlebt der Roman einen Wendepunkt.
Falls es euch interessiert, wie ich diese zeitgenössische Novelle durchkomponiert habe, dann tippt auf den folgenden Link:
Wenn ihr, bevor ihr mit einem Buchprojekt beginnt, eine starke Romanheldin und einen vielschichtigen Antagonisten skizziert, wird der Roman plötzlich los galoppieren, ich hoffe, dass ihr dann noch in den Sattel kommt. Das Geheimnis ist ein guter erster Zugang.
Über den Antagonisten schrieb ich bereits einen Beitrag. Falls ihr ihn noch nicht gelesen habt, klickt doch auf diesen Blog:
Kein klassischer Gegenspieler
Der Beitrag ‚Kein klassischer Gegenspieler‘ gibt einen Einblick in die Vielfalt der Antagonisten. Beim Verfassen eures Romans wird er hoffentlich nützlich sein, da der Gegenspieler genauso wichtig ist wie die Heldin des Romans.
‚Es ist noch Platz im Koffer‘, mein satirischer Roman verfügt über einen komplexen Helden. Till Steiger ist ein depressiver Schauspieler. Er sieht die Selbsttötung als einzigen Ausweg, leider ist er unfähig dazu. Kurzerhand beschließt er, eine Bank zu überfallen. Im Rahmen der Befreiungsaktion wird sich ein Schuss lösen, so hofft er. Natürlich kommt es anders als er denkt und er landet in der Psychiatrie. Auch Till trägt ein Geheimnis in sich. Er hat es so gut verdrängt, dass er davon überzeugt ist, vollkommen unbelastet zu sein.
Auf dieses Geheimnis müsst ihr noch bis Ende des Jahres warten. Hoffentlich muss ich nicht so lange auf eure Kommentare warten.
Was immer auch passiert, ich hoffe, wir bleiben gesund.
Denkt immer daran: Literatur ist Leben.
Eure Desirèè Ange
